Schnellste Schweizerin
© NZZ am Sonntag; 02.08.2009; Nummer 31; Seite 20
Sprinten und etwas Rockmusik
Die Schweizer Leichtathletik buhlt im Letzigrund um verlorene Aufmerksamkeit
Cédric Nabe (10,41) und die erst 17-jährige Mujinga Kambundji (11,66) heissen die Schweizer Meister über die 100 Meter.
Jan Mühlethaler, ZürichAm Stadion kann es nicht gelegen haben. Der Dreispringer Alexander Martinez setzte zwar alles daran, sich am nationalen Championat in Zürich doch noch für die WM in Berlin zu qualifizieren. Doch der für den LC Zürich lizenzierte Athlet, dessen sportliche Heimat längst nicht mehr in Kuba, sondern eben im Letzigrund liegt, vermochte den verletzungsbedingten Rückstand auch im Heimstadion nicht wettzumachen. Mit 16,32 m gelang ihm eine Saisonbestleistung - immerhin, kann er doch erst seit einer Woche wieder mit langem Anlauf und ohne Beschwerden trainieren. Die WM-Limite von 16,65 m verpasste er aber klar.
Also bleibt es wohl bei zehn Qualifizierten für die WM, wenngleich Swiss Athletics noch auf vergangene Tage zurückgreifen kann. So kann der Verband die Staffel über 4-mal 100 m der Männer aufgrund ihrer letztjährigen Zeit für Berlin selektionieren, bisher verpasste Chancen hin oder her. Peter Haas, der Chef Leistungssport, wollte hierfür aber zumindest halbwegs passable Leistungen und motivierte Athleten im Letzigrund sehen. Alles andere wäre schwer zu «verkaufen»; umso mehr, als dass es bisher noch nie so einfach war, die WM-Limite zu unterbieten, da sich der Schweizer Verband durchwegs nach den B-Werten des Weltverbandes richtete. Das war in der Vergangenheit verpönt, da mit B-Werten an Weltmeisterschaften wenig bis nichts auszurichten ist. Dessen ist sich auch Haas bewusst. Doch er ist gleichzeitig der Meinung, dass die Athleten dank einer WM-Teilnahme motivierter in die Zukunft blicken. Das ist wohl so, nur wird dadurch die Leichtathletik in diesem Land nur vordergründig besser.
Die Sprinter nahmen sich die Erwartungen halbwegs zu Herzen und warteten mit ansprechenden Leistungen auf, so auch der WM-Starter Cédric Nabe (10,41/100 m). Die Männer in Sachen Auftritt noch auszustechen vermochte die 17-jährige Bernerin Mujinga Kambundji (11,66) - erster Meistertitel und Schweizer Rekorde in den Kategorien U 18 und U 20.
Als Spiegel für das Leichtathletik-Schaffen gilt das nationale Championat an sich - am Wochenende ist es an Zürich, Bilder aus vergangenen Jahren, als die Schweizer Meisterschaften einem Wald-und-Wiesen-Fest glichen, zu korrigieren. Mit Hilfe von Barleistungen von über 200 000 Franken versuchte ein Jungteam des LC Zürich, der zunehmend in Vergessenheit geratenden Sportart neues Leben einzuhauchen. Der OK-Präsident Andreas Schelbert weiss, dass die Schweizer Leichtathletik auf diesem Niveau nur wenig Publikum ins Stadion zieht, was im Letzigrund mit 25 000 Plätzen speziell ins Gewicht fällt. Also liessen sich die Organisatoren etwas einfallen und investierten primär ins Rahmenprogramm - bis hin zur bekannten Schweizer Sängerin Stefanie Heinzmann, die nach den 100-m-Finals am Samstagabend einzuheizen begann.
Wenngleich der Letzigrund nicht aus allen Fugen geriet, kamen laut den Veranstaltern immerhin 5000 Zuschauer, was auch politisch nicht unwichtig ist. Im Letzigrundstadion sollen nämlich 2014 die Leichtathletik-EM stattfinden, was allerdings erst im nächsten Frühjahr entschieden wird, wie Hansjörg Wirz, der Schweizer Präsident des Kontinentalverbandes EAA, der «NZZ am Sonntag» sagte.


